Startseite » Gute Praxis_alt » Fachkräfteagentur Wendlandleben

Fachkräfteagentur Wendlandleben

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg wird die Gewinnung von Fachkräften, Rückkehrenden und neu Zuziehenden sowie die Besetzung von Ausbildungsplätzen mit einfachen digitalen Mitteln organisiert – dafür sorgt die kreiseigene Agentur “Wendlandleben”. Kern der Arbeit: Begeisterung für Region und Landleben wecken, regional verankert sein – und alle digitalen wie analogen Angebote bündeln und sichtbar machen.

Das Wendland – überregional als Synonym für den Landkreis Lüchow-Dannenberg verwendet – ist zu einem Symbol für die Herausforderungen sowie die Dynamik ländlicher Räume geworden. Die Region liegt im östlichsten Zipfel Niedersachsens, pro Quadratkilometer leben hier nur 40 Menschen, Tendenz weiter sinkend. Der Altersdurchschnitt ist mit 42 Jahren deutlich höher als in anderen Gebieten der Region. Die Zahl der Erwerbstätigen nimmt stetig ab, viele unbesetzte Ausbildungsstellen und ein deutlicher Mangel an Fachkräften sind die Folge. Gleichzeitig ist das Wendland berühmt für seine lebendige Zivilgesellschaft, für seine vielen Kreativorte und auch digitalen Innovationen. Dennoch konkurriert der Kreis mit anderen ländlichen Regionen mit schöner Natur und günstigen Mieten. Es gilt also, das Leben im Wendland greifbar und von anderen Orten unterscheidbar zu machen, Geschichten zu erzählen: Von Wanderwegen und Castor, nachhaltigen Lebensmodellen und liberalem politischen Klima, vom Fehlen einer Autobahn und vom gutem Breitbandausbau.

Hier setzt seit 2017 die Fachkräfteagentur “Wendlandleben” an. Sie ist ein Projekt des Landkreises zum Standortmarketing und erste Ansprechpartnerin für alle, die (wieder) Wendländer:innen werden wollen. Sie soll Fachkräfte für die Region gewinnen (Rückkehrer:innen wie neu Zuziehende), das Fachkräftemarketing verbessern, die Besetzung von Ausbildungsstellen ankurbeln sowie die Bindung junger Menschen an die Region stärken. Zudem unterstützt sie die (regionale) Berufsorientierung an Schulen und unterstützt Arbeitgeber:innen bei der Suche nach Fach- und Nachwuchskräften.

Schon wegen der geringen Einwohnerzahl ist die Agentur regional sehr sichtbar und bekannt – und für Interessent:innen steht die analoge Tür in Lüchow jederzeit offen. Im Erdgeschoss des Gebäudes befindet sich zudem der Coworking-Space eines anderen Projekts. Dennoch ist die Webseite wendlandleben.de mit entsprechender Social-Media-Anbindung die zentrale Anlaufstelle für die meisten Interessierten. Sie stößt auf reges Interesse, was 5.000 Webseitenaufrufe pro Monat, 6.000 Follower auf Facebook und Instagram und bis zu 100.000 Views pro Posting unterstreichen. Und Social Media ist hier mehr als eine Einbahnstraße: Das Feedback der Nutzenden – potenzielle Zuziehende – beeinflusst Inhalte und Arbeit der Agentur.

Über die Webseite lassen sich die zahlreichen digitalen Angebote der Region ansteuern – manche vom Kreis, andere aus der Zivilgesellschaft oder von Verbänden. Davon gibt es viele, durch die Bündelung auf wendlandleben.de gibt es für Interessierte einen einheitlichen Ansprechpartner statt vieler. Das ist dann eine Person, die Zeit hat und auch individuell beraten kann.

Für viele die drängendste Frage: Wenn ich wirklich (wieder) ins Wendland ziehe – finde ich überhaupt einen passenden Job? Entsprechend ist das Sichtbarmachen offener Stellen eine zentrale Aufgabe. Wendlandleben versteht sich jedoch nicht als Stellenbörse, sondern als beratende und informierende erste Anlaufstelle. Ein größerer Wurf war ursprünglich angedacht: Der Aufbau einer eigenen Jobbörse hat sich jedoch als technisch wie rechtlich zu schwierig herausgestellt. Ohnehin wäre die Entwicklung einer eigenen Software-Lösung für einen kleinen Landkreis mit weniger als 50.000 Einwohner:innen zu teuer geworden. Hinzu kommt, dass Stellenmärkte traditionell in Regionalzeitungen erscheinen, deren wirtschaftliche Interessen mit einer Fachkräfteplattform konkurrieren. Immer wieder wurde hier die Frage aufgeworfen, inwieweit eine öffentliche Stelle in diesem Feld involviert sein sollte.

Wendlandleben bietet jedoch eine regelmäßige Übersicht an freien Stellen an. Früher wurden diese von Hand kuratiert und per Screenshot eingepflegt – inzwischen hat man eine technisch bessere Lösung gefunden, um Ordnung im Dschungel der Jobbörsen zu schaffen: spezielle, individualisierte Direktverlinkungen zu externen Plattformen führen dazu, dass auf Wendlandleben wirklich nur für die Region relevante Stellen angezeigt werden (und nicht etwa bezahlte Platzierungen). Hinzu kommt eine interaktive Landkarte, verknüpft mit einer Datenbank, in der potenzielle Arbeitgeber:innen verzeichnet sind. Diese wurde gemeinsam mit dem GIS-Büro des Landkreises entwickelt.

Problem und Chance gleichermaßen ist es, dass sich eine Vielzahl von Unternehmen mit eigentlich attraktiven Arbeits- und Ausbildungsplätzen im Landkreis findet – diese aber als “hidden champions” häufig gar nicht auffindbar sind, weil sie kaum oder gar nicht digitalisiert sind. Zukünftig möchte die Agentur Wendlandleben über ihr Portal einen Baukasten anbieten, über den sich Unternehmen ohne eigene Webseite vorstellen und um Fachkräfte und Auszubildende werben können.

Zudem betreibt der Kreis auch die digitale Ausbildungsplattform ausbildung-dan.de. Während Corona wurde auch die jährliche Ausbildungsmesse erstmals digital abgehalten, was gut funktionierte. Beide Angebote funktionieren jedoch mit einfachen technischen Mitteln. Auch hier gilt: die kritische Masse für aufwändigere Lösungen fehlt.

Auch das regelmäßige regionale Veranstaltungsprogramm ist digital geworden. Das liegt nicht nur an Corona, sondern soll auch Menschen die Teilnahme ermöglichen, die (noch) nicht in der Region leben. So findet etwa das monatliche Vernetzungstreffen “Wendland-Einmaleins” inzwischen per Zoom statt. Der Gedanke: Neuankömmlinge und Zuziehende zusammenzubringen. Wenn jemand über einen Umzug ins Wendland nachdenkt, aber beispielsweise das Hobby Reiten nicht aufgeben will, findet sich so immer schnell jemand mit Infos zu Ställen und Turnieren. Das funktioniert auch digital so gut, dass die Idee weiter ausgebaut werden soll. Die Vision: ein kleines regionales soziales Netzwerk mit Chat-Funktion, das “Wendlandfreun.de” heißen könnte. Das soll einen geschützten Raum zum Vernetzen und Austauschen von Wissen über alle Fragen um die Region bieten – nur ohne kommerzielle Interessen dahinter. Bis dato ist eine Umsetzung allerdings an ungeklärten Datenschutz-Fragen gescheitert. Update: Aktuell arbeitet eine kleine ehrenamtliche Gruppe außerhalb der kommunalen Strukturen an der Umsetzung dieser Plattform, im Rahmen einer GbR, die vielleicht später in die Gründung eines Vereins mündet.

Erste Schritte in diese Richtung macht die Plattform “Gemeinschaft im Wendland” (www.gemeinschaft-im-wendland.de) – ein zivilgesellschaftliches Projekt, das von der Klimaschutzstelle, dem Seniorenstützpunkt und Wendlandleben in der Region initiiert wurde. Diese hat bereits ein häufig genutztes einfaches “digitales Schwarzes Brett” für alle Fragen zum Thema Wohnen und Gemeinschaft, ist jedoch auf diese Thematik beschränkt.

Die vielen Aufgaben der Fachkräfteagentur sind arbeitsintensiv. Neben der persönlichen Beratung und der Vernetzungsarbeit vor Ort ist es vor allem die Erstellung von hochwertigem Content für die verschiedenen Kanäle, die viel Arbeit macht. Denn klar ist: Texte, Bilder und Videos müssen von hoher Qualität sein, um insbesondere in den sozialen Medien wahrgenommen zu werden. Die Erfahrung zeigt: Besonders mit aufwändigen Filmproduktionen können große Erfolge erzielt werden. Zum Umfragezeitpunkt sind bei Wendlandleben drei Personen beschäftigt, der gesamte Personalaufwand umfasst 2,35 VZÄ. Wieviel Arbeit für analoge und wieviel für digitale Angebote anfällt, vermag man nicht zu sagen. Aufgrund der vielfältigen Zielgruppe – Menschen innerhalb und außerhalb der Region mit Interesse am Leben vor Ort – ohnehin keine sinnvolle Unterscheidung.

Informationen Landkreis

Landkreis Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen)
Fläche: 1.221 km²
Einwohner:innen: 48.503
40 Einwohner:innen je km²